{"id":81,"date":"2007-03-17T11:44:26","date_gmt":"2007-03-17T09:44:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.logoroe.ch\/?p=81"},"modified":"2021-12-23T22:20:55","modified_gmt":"2021-12-23T21:20:55","slug":"81","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.logoroe.ch\/?p=81","title":{"rendered":"Ballade von der armen Louise"},"content":{"rendered":"<p>Es ist wieder Fr\u00fchling und dieser erweckt (auch ohne Winter davor) das Gef\u00fchlsleben aus dem Herbstschlaf. Mich trieb es in die Poesie und so entdeckte ich ein mittelalterliches Gedicht wieder, welches mich schon als Jugendlicher in l\u00e4ngst vergangenen Fr\u00fchlingen verzauberte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Ballade von der armen Louise<\/strong><\/p>\n<p>Louise stand am Herd den langen Tag<br \/>\nund ihr Gesicht war schon ganz schwarz vom Rauch.<br \/>\nUnd wenn sie nachts auf ihrem Strohsack lag,<br \/>\nda war sie m\u00fcd und ausgehungert auch.<br \/>\nSie war nur armer Leute Waisenkind<br \/>\nund wollte lieber sein ein Baum im Sommerwind.<\/p>\n<p>Und als ein Herr sie stehen sah am Herd,<br \/>\nso schwarz vom Rauch verwandelt das Gesicht.<br \/>\nWar sie ihm trotzdem die Dukaten wert,<br \/>\nf\u00fcr eine Nacht, sie aber mochte nicht.<br \/>\nSie war nur armer Leute Waisenkind<br \/>\nund wollte lieber sein ein Baum im Sommerwind.<\/p>\n<p>Da sagte ihr der Herr, dass sie ihm bald<br \/>\nsein Weib m\u00f6cht sein und ganz in Seiden gehn,<br \/>\nauch h\u00e4tte er ein sch\u00f6nes Schloss im Wald<br \/>\ndort w\u00fcrde sie nie wieder von ihm gehn.<br \/>\nSie war nur armer Leute Waisenkind<br \/>\nund bl\u00fchte wie ein Baum im Sommerwind.<\/p>\n<p>Und jetzt verstand sie auch,<br \/>\nwarum nicht Brot allein satt machen kann den Bauch.<br \/>\nEs muss auch Liebe sein.<br \/>\nSie war nur armer Leute Waisenkind<br \/>\nund wollte, dass er bliebe dieser Sommerwind.<\/p>\n<p>Der Sommerwind ging hin mit Kriegsgeschrei<br \/>\nund f\u00e4rbte in der Nacht den Himmel rot.<br \/>\nUnd in der Schlacht war auch ihr Mann dabei,<br \/>\nsie wusste nicht wohin mit ihrer Not.<br \/>\nSie war nur armer Leute Waisenkind<br \/>\nund wollte wieder sein ein Baum im Sommerwind.<\/p>\n<p>Im Feld lag mancher Reiter schon verweht,<br \/>\nwie Bl\u00e4tter vom vergangnen Jahr.<br \/>\nIn ihrem Herzen drin war kein Gebet,<br \/>\nnur wie der Schnee so weiss war jetzt ihr Haar.<br \/>\nSie war nur armer Leute Waisenkind<br \/>\nund hatte nur den einen Gott, den Sommerwind.<\/p>\n<p>Und als ihr Leib so welk war wie ein Baum<br \/>\nim Herbst, da ging sie in den Fluss<br \/>\nund machte mit dem alten Sommertraum<br \/>\nund ihrer grauen Armut endlich Schluss.<br \/>\nSie war nur armer Leute Waisenkind<br \/>\nund wollte nie mehr sein ein Baum im Sommerwind.<\/p>\n<p><em>Francois Villon (1431-1463); Deutsche Fassung: Paul Zech (1881-1946)<\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Mehr \u00fcber Fran\u00e7ois Villon gibt&#8217;s hier auf\u00a0<a title=\"Francois Villon im Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fran%C3%A7ois_Villon\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia<\/a>.<\/p>\n<p>Eines seiner gr\u00f6ssten Werke war sein grosses Testament (verfasst ca. 1462). Neben zahlreichen Balladen findet man darin auch etliche Varianten, wie Villon seinen eigenen Grabstein beschriftet haben wollte. (W\u00e4ren diese wirklich allesamt in Tat umgesetzt worden, sein Grabstein h\u00e4tte garantiert einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde gefunden).<\/p>\n<p>Hier mein Favorit:<\/p>\n<p>Wenn es m\u00f6glich ist, soll einen Pflaumenbaum<br \/>\nman mir zu F\u00fcssen pflanzen.<br \/>\nUm Himmels Willen keinen Block aus Marmor<br \/>\nauf den Sch\u00e4del tun.<br \/>\nMein Rock ist viel zu sauber<br \/>\nf\u00fcr den Schaum der sogenannten Ehre.<br \/>\nAuf einem grauen nicht zu kleinen Stein<br \/>\nvom Feld gleich nebenan,<br \/>\nsoll kurz und klar geschrieben sein,<br \/>\nwer unten fault und was er so im Leben war.<br \/>\nBloss nicht mit goldnen Lettern, nein!<br \/>\nNehmt Teer und schreibt&#8217;s mit einem Besenstil daher.<br \/>\nDann wird die Welt im Jahre 2000 des Herrn Jesu Christ,<br \/>\nnoch wissen, wer Villon gewesen ist.<\/p>\n<p>Herr Villon, Sie haben sich bereits um 7 Jahre \u00fcbertroffen!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Zum Schluss noch als Kontrast (man muss ja irgendwie auch wieder in die Neuzeit finden) das Lieblingsgedicht meines Vaters, welches ich heute noch auswendig zitieren kann (was nicht wirklich ein Segen ist, aber egal):<\/p>\n<p>Dank sei dem Herrn daf\u00fcr gedacht,<br \/>\ndass er die Berge so hoch gemacht.<br \/>\nDamit nicht jeder Lumpenhund,<br \/>\nmit denen die T\u00e4ler so reichlich gesegnet,<br \/>\ndem redlichen Wanderer dort oben begegnet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"trennlinie\" src=\"https:\/\/www.logoroe.ch\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/trennlinie.gif\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"10\" \/><\/p>\n<p><em>Phil &amp; Sophie: Gedanken \u00fcber Gott, die Welt und alles was sich dazwischen und darum herum befindet.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.logoroe.ch\/?cat=53\"><em>Hier geht&#8217;s zu weiteren allumfassenden Erkenntnissen!<\/em><\/a><b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wieder Fr\u00fchling und dieser erweckt (auch ohne Winter davor) das Gef\u00fchlsleben aus dem Herbstschlaf. 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