{"id":3975,"date":"2012-10-16T12:13:43","date_gmt":"2012-10-16T11:13:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.logoroe.ch\/?p=3975"},"modified":"2021-12-21T21:49:15","modified_gmt":"2021-12-21T20:49:15","slug":"die-armee-der-alten-frauen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.logoroe.ch\/?p=3975","title":{"rendered":"Die Armee der alten Frauen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.logoroe.ch\/?p=3975\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2092 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.logoroe.ch\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/vor-dem-buro.jpg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"120\" \/><\/a><\/p>\n<p>Den gr\u00f6ssten Teil des Tages verbringen wir B\u00fcromenschen vor dem Computer. Ausserhalb der Arbeitszeit w\u00e4re uns eigentlich etwas Ablenkung vom Alltag zu g\u00f6nnen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Sei es im Tram, im Caf\u00e9 oder auf einem \u00f6ffentlichen Platz &#8211; \u00fcberall befindet sich jemand mit einem Laptop, Smartphone oder Tablet-PC in der N\u00e4he. Die Welt ist ein einziges Grossraumb\u00fcro geworden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Fr\u00fcher war alles noch in Ordnung. Der Sekret\u00e4r, der vor 50 Jahren von der Arbeit nach Hause fuhr, musste nicht unbedingt damit rechnen, dass der Sitznachbar im Zugsabteil eine Hermes Schreibmaschine auf den Schoss nahm und ihn damit an seine Arbeit erinnerte. Andere Berufsgruppen kennen dieses Problem auch 2012 noch nicht. Der G\u00e4rtner kann davon ausgehen, dass am Nebentisch im Caf\u00e9 keine B\u00e4ume gepflanzt werden, der Landwirt f\u00e4hrt selten mit 30 K\u00fchen im gleichen Tram.<\/p>\n<p>Da ich jedoch die Zeit nicht zur\u00fcckdrehen kann und auch keine berufliche Umschulung ins Auge fassen m\u00f6chte, muss eine andere L\u00f6sung gefunden werden. Und hier setzt mein Projekt &#8222;Die Armee der alten Frauen&#8220; an.<\/p>\n<p>Vielen \u00e4lteren Menschen fehlt eine Funktion in ihrem Leben. Sie f\u00fchlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, von ihr nicht mehr gebraucht. Sie sehnen sich nach einer Aufgabe, nach einer Berufung. Ihnen kann geholfen werden.<\/p>\n<p>In einem ersten Schritt werden in Altersheimen und Seniorensiedlungen r\u00fcstige Ladys rekrutiert. Nach einem kurzen Ausbildungs-Camp werden sie zu zweit oder in kleinen Gruppen auf die \u00d6ffentlichkeit losgelassen. Dort unterhalten sie sich &#8211; um nicht aufzufallen &#8211; \u00fcber die \u00fcblichen Rentner-Themen (Jugenderinnerungen, Operationen, Sven Epiney) und warten, bis jemand in der N\u00e4he ein elektronisches Gadget z\u00fcckt.<\/p>\n<p>Dann schlagen sie zu! Und zwar wortw\u00f6rtlich. Mit lauten Schreien (textlich lassen wir unserer Belegschaft die volle k\u00fcnstlerische Freiheit) dreschen die alten Damen mit ihren Handtaschen auf den St\u00f6renfried ein, bis das technische Ger\u00e4t weggepackt oder defekt ist. Danach setzen sich die Guerilla-Omas auf ihre Pl\u00e4tze zur\u00fcck und f\u00fchren ihre Konversation unaufgeregt fort.<\/p>\n<p>Verletzungen sind zum gr\u00f6ssten Teil ausgeschlossen. Die Damen sind mit weich gepolsterten Handtaschen ausgestattet und dass sich Angegriffene gegen alte Frauen zur Wehr setzen, ist eher unwahrscheinlich und geh\u00f6rt ins Kapitel der unvermeidlichen Kollateralsch\u00e4den.<\/p>\n<p>Sollte eine angegriffene Person gerichtlich gegen die alten Frauen vorgehen, behaupten diese einstimmig, dass sie selbst bel\u00e4stigt worden w\u00e4ren &#8211; was im grossen Ganzen nicht einmal gelogen ist &#8211; und sie sich nur entsprechend verteidigt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der Gesamtaufwand des Projekts h\u00e4lt sich in Grenzen. F\u00fcr eine Stadt in der Gr\u00f6ssenordnung von Z\u00fcrich reichen ungef\u00e4hr 50 Rentnerinnen. Nach zwei bis drei Wochen ist die erste Phase abgeschlossen. Die lokalen Medien haben dar\u00fcber berichtet, jeder kennt mindestens einen Zeugen oder ein Opfer einer solchen Aktion. Die Angst ist perfekt ges\u00e4t.<\/p>\n<p>Nun gen\u00fcgen vereinzelte Repetitions-Angriffe, um das Thema im Gespr\u00e4ch zu halten. Ansonsten setzt man auf die \u00fcberalterte Gesellschaft. \u00dcberall im \u00f6ffentlichen Leben befindet sich immer mindestens eine \u00e4ltere Dame mit Handtasche. Ob diese Teil der &#8222;Armee der alten Frauen&#8220; ist oder nicht, spielt keine Rolle. Allein ihre Anwesenheit wird ausreichen, die Digitalisierung des \u00f6ffentlichen Lebens massiv einzuschr\u00e4nken und uns B\u00fcromenschen damit einen Teil unserer Freiheit zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p>Als positiver Nebenaspekt wird mit diesem Projekt auch den \u00e4lteren Menschen mehr Abwechslung z.B. im Heimalltag geboten. K\u00f6nnen sie sich doch nun \u00fcberlegen, ob sie denn heute ins T\u00f6pfern, ins Aquarell-Malen oder ins Handt\u00e4schli-Hauen gehen wollen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-307\" title=\"trennlinie\" src=\"https:\/\/www.logoroe.ch\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/trennlinie.gif\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"10\" \/><\/p>\n<p><em>Die Kolumne &#8222;Vor dem B\u00fcro&#8220; erschien von 2009 bis 2013 in der Letzten Pendenz, dem Mitarbeiter-Magazin der Staatsanwaltschaft Z\u00fcrich. Staromat schilderte darin die Welt der Justiz aus den Augen einer m\u00e4nnlichen Sekret\u00e4rin.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.logoroe.ch\/?cat=29\"><em>Hier geht&#8217;s zu allen Vor-dem-B\u00fcro-Kolumnen!<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den gr\u00f6ssten Teil des Tages verbringen wir B\u00fcromenschen vor dem Computer. Ausserhalb der Arbeitszeit w\u00e4re uns eigentlich etwas Ablenkung vom Alltag zu g\u00f6nnen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Sei es im Tram, im Caf\u00e9 oder auf einem \u00f6ffentlichen Platz &#8211; \u00fcberall befindet sich jemand mit einem Laptop, Smartphone oder Tablet-PC in der N\u00e4he. 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